2. Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen im Kindesalter (S. 35-36)
2.1 Definition, Klassi.kation, Prävalenz
2.1.1 Definitionen
Der gesamte Ablauf der Verarbeitung, Wahrnehmung und Kognition ist ein eng ineinander verwobener Prozess. Der Begriff Verarbeitung wird im Sinne einer Weiterleitung sowie Vorverarbeitung und Filterung von auditiven Signalen beziehungsweise Informationen auf verschiedenen Ebenen (Hörnerv, Hirnstamm, Kortex) verwendet. Die Wahrnehmung (Perzeption) wird als ein Teil der Kognition im Sinne einer zu höheren Zentren hin zunehmenden bewussten Analyse auditiver Informationen verstanden. Dabei handelt es sich um Bottom-up- und Top-down- Prozesse. Die Kognition beruht auf einer Zusammenfassung mehrerer Modalitäten, wie zum Beispiel der Intelligenz (siehe auch unten, Konsensus-Statement 2000, Ptok et al.).
Die auditorische Informationsverarbeitung wird nicht nur über den Bottomup- Weg von der Cochlea zum Hörkortex gewährleistet, sondern auch über höhergeordnete kortikale Zentren. Die Top-down-Verarbeitung beeinflusst die auditorische Informationsverarbeitung. Es ist auch möglich, dass diese Top-down- Verarbeitung ausschließlich durch übergeordnete Zentren kontrolliert wird, was dann zu auditorischen Vorstellungen, Illusionen oder Halluzinationen führen kann (Jäncke, 2004).
Es besteht ein Defizit in der auditorischen Verarbeitung und Wahrnehmung auditorischer Informationen. Diese Modalitätsstörung kann exazerbieren bei einer ungünstigen akustischen Umgebung. Auditorische Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen können assoziiert sein mit Schwierigkeiten beim Hören, Sprachverständnis, in der Sprachentwicklung und beim Lernen. In seiner reinen Verlaufsform kann es sich als isoliertes Defizit in der Verarbeitung eines auditorischen Inputs äußern. Im Unterschied zu den komplexen Störungsbilder sind die isolierten Verlaufsformen seltener.
1996: Die American Speech-Language-Hearing Association (ASHA) (1996) schlägt den Begriff «Central Auditory Processing Disorders» (CAPD) vor und zählt dazu mehrere unterschiedliche psychoakustische Leistungen. Defizite folgender auditorischer Merkmale sind möglich. Dabei können ein oder mehrere Bereiche betroffen sein:
- Schalllokalisation und -lateralisation (Richtungshören) - auditive Diskrimination (Lautunterscheidung) - auditive Mustererkennung (Rhythmus, Tonhöhe) - zeitliche Aspekte des Hörens wie zeitliche Auflösung (Erkennung kurzer Signalpausen), - zeitliche Maskierung (Erkennung verdeckter Signale), zeitliche Integration (gedehntes oder komprimiertes Wort erkennen), - zeitliche Ordnung (zeitliche Reihenfolge) - auditive Leistung bei konkurrierenden Signalen (Störschall-Nutzschall) - auditive Leistung bei unvollständigen, veränderten oder abgeschwächten akustischen Signalen.
2000: Diese Aussagen wurden im Hinblick auf die Diagnostik bei Schulkindern in einer Consensus Conference von einer 14-köpfigen Expertengruppe in Dallas (2000) weiterentwickelt. Aufgrund der Interaktionen zwischen peripheren und zentralen Läsionen wurde der Begriff «Auditory Processing Disorders» (APD) anstelle von «Central Auditory Processing Disorders» (CAPD) vorgeschlagen (Jerger/Musiek, 2000).
Im Konsensus-Statement der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (Ptok et al., 2000, S. 357) wird der Begriff «auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung» (AVWS) empfohlen. Als Definition wird vorgeschlagen: Eine auditive Verarbeitungs- und/oder Wahrnehmungsstörung (AVWS) liegt vor, wenn zentrale Prozesse des Hörens gestört sind. Zentrale Prozesse des Hörens ermöglichen unter anderem die vorbewusste («preattentive») und bewusste («attentive») Analyse von Zeit-, Frequenz- und Intensitätsbeziehungen akustischer Signale, Prozesse der binauralen Interaktions (z. B. zur Geräuschlokalisation, Lateralisation und Störgeräuschbefreiung).
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